Einfach nur ein Pferd

Frau mit einem Pferd
Frau mit einem Pferd, Foto: TT
Adventskalendar

„Das ist nicht einfach nur ein Pferd!“

Dieser alte Spruch wurde in Reiterkreisen so oft gesagt, gehört und wiederverwertet, dass so mancher Nicht-Pferdekenner nur noch genervt die Augen verdreht. Auch gestandene Pferdemenschen ringen sich bei diesen Worten gerade noch so ein kleines Lächeln ab, vor allem dann, wenn die romantisierte Vorstellung von einem Leben mit Pferden bereits der harten Realität gewichen ist. Forscht man aber weiter, sind es genauso diese Menschen, die bei den richtigen Fragen doch noch auf das eine Pferd zu sprechen kommen. Anstatt Augenrollen tritt ein verklärter Ausdruck dann auch in ihre Augen.

Für viele ist diese Redewendung auch einfach zu einer knappen Erklärung für so ziemlich alles rund um das geliebte Pferdeleben geworden. Eine Entschuldigung für stundenlange Stallaufenthalte, riesige Summen für Tierarzt, Hufschmied, Futter oder Physiotherapeut. Genauso ist es auch eine Ausrede für zu wenige verbrachte Stunden im Kreise der nicht pferdeverrückten Familie, mit der man auch noch am Weihnachtsabend im Stall sitzen und die Zeit mit dem vierbeinigen Freund verbringen kann.

Weihnachtsimpression
Weihnachtsimpression

„Das Pferd ist eben Teil der Familie!“

Auch diesen Spruch hört man ebenso oft und obwohl ein Fußballfan das kaum versteht, ist es für die Pferdemenschen der natürlichste Satz der Welt. Da bleibt auch der verwirrte Ausdruck auf den Gesichtern Außenstehender unbemerkt, und unbeirrt wird der Liebling gehegt, gepflegt und angehimmelt. So lustig das auch klingen mag, ein kleines bisschen wird sich doch jeder Pferdefreund wiederfinden.

Ich meine damit nicht nur die kleinen Mädchen, die sich den Alltag mit Pferden erträumen und sich nichts mehr wünschen, als so ihr Leben zu verbringen. Sondern ebenso den Jockey, der bereits über 500 Sieger geritten hat, den Trainer, der so viele Pferde gesehen hat, dass er nicht mehr weiß, das wievielte er begutachtet oder von wie vielen er die Bewegungen in seiner Laufbahn studiert hat. Oder den alten Futtermeister, der wie immer jeden Tag das Licht im Stall ausschaltet, aber erst wenn er noch einmal in jede Box geschaut hat, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Jeder von ihnen hat dieses eine Pferd geliebt und liebt es immer noch. Denn es ist dieses eine, das den ganzen harten Alltag rund um die Pferde zur geliebten Aufgabe macht.

Wikileaks mit Andrasch Starke
Wikileaks mit Andrasch Starke

Da ist zum Beispiel der ehemalige Hindernisreiter, der bereits in Rente ist und von sich selbst sagt, er habe sich jeden Knochen mindestens einmal gebrochen, allerdings lacht er dabei. Obwohl er nicht mehr arbeiten muss, kommt er noch wie selbstverständlich jeden Tag in den Stall, begleitet von seinen kleinen Jagdhund und mit dem Fahrrad, so wie er es früher tagtäglich getan hat. Er spricht nicht viel, aber er kennt jedes Pferd und er erinnert sich auch an alle, mit denen er einmal zu tun gehabt hat. Auch er hat dieses eine Pferd geritten, das jede Strapaze gerechtfertigt hat und für das man auch über einen angeknacksten Knöchel noch lacht. Ohne dieses Pferd wäre er oder auch jeder andere Pferdeliebhaber nicht der, der er ist.

Das ist es auch, was sie alle vereint und zu einem besonderen Schlag Menschen macht: für jemanden etwas zu tun, der außer seiner Zuneigung nichts zurückgeben kann. Aber dennoch ist diese Liebe genug, um sich auch mit Fieber noch in den Stall zu schleppen oder jeden Sonntag und Feiertag, ob Regen, Sturm, Eis oder Schnee. Der erste Gedanke ist beim Pferd, morgens, wenn man schlaftrunken in die Stiefeletten steigt und abends, wenn man die Rennsachen für den nächsten Tag zurechtlegt, noch bevor man ins Bett fällt.

Morgenarbeit im Rennstall
Morgenarbeit im Rennstall

Dabei ist es auch egal, ob es sich um den sieglosen Dreijährigen handelt, den gefeierten Gruppesieger oder das alte Hindernispferd, das sich vor nichts fürchtet. Das gilt für den Trainer, der liebevoll auf sein Fohlen wie auf ein eigenes Kind blickt, ebenso wie für das junge Mädchen, das sich am ersten Tag im Rennstall in ein Pferd verliebt hat und es bis heute liebt. Auch wenn sie mittlerweile viele Kilometer trennen, diese Liebe ist für immer.

Es gibt so viele Geschichten über das eine Pferd, manche befinden sich versteckt in den Andenkensammlungen, in Fotografien, in verstaubten Bilderrahmen und vergilbten Zeitungsartikeln. Man könnte Bücher damit füllen oder Skripte für Hollywood erschaffen. Das Schöne und Besondere ist aber, dass diese Geschichten alle wahr sind und keine absonderlichen Ausschmückungen nötig haben.

Die vom großen Champion, der als Jährling so unscheinbar war, dass ihn niemand wollte, außer dem jungen Mädchen, das den Traum vom Leben mit Pferden schon fast aufgegeben hatte. Es ist ebenso die Geschichte vom schwierigen Pferd, das als untrainierbar galt, bis es bei dem einen Trainer landete, der sein Potential erkannte, nicht aufgab und es als Sieger zurück auf die Rennbahn führte.

Pferd schaut aus seiner Box
Pferd schaut aus seiner Box

Der Hengst mit dem Herz aus Gold, der so krumme Beine hatte, dass er liebevoll Charlie Chaplin genannt wurde und trotzdem in französischen Grupperennen triumphierte, ist ebenso eines dieser Pferde wie der altgediente Steepler, der bei seiner Pflegerin ein neues Zuhause nach seiner Karriere fand und damit mehr als nur ein ganzes Leben bereichert hat.

Vor allem mit Rennpferden geschehen diese wunderschönen Geschichten tagtäglich wirklich. Denn nur bei Pferderennen liegen Sieg und Niederlage so nah beieinander und nirgendwo sonst entscheiden Sekundenbruchteile über das Schicksal. Es sind diese Pferde, die auch den ganzen Rennsport auszeichnen und jeder der mit Rennpferden zu tun hat, kennt es: Das eine Pferd, das so viel mehr ist. Ein Freund, ein Familienmitglied, ein Seelentröster, der die wohl stärkste Schulter zum Anlehnen auf der ganzen Welt hat. Auch getrennt unvergessen und geliebt, für immer mit dem verklärten Ausdruck im Gesicht beider Erinnerung an die einzigartigen gemeinsamen Momente auf den Rennbahnen dieser Welt.

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