Hindernisrennen in Deutschland

Hinter den Kulissen

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Auch wenn man in Deutschland derzeit einen anderen Eindruck bekommen kann, gehören Hürden- und Jagdrennen zum Galopprennsport dazu. Nur dass man sich hierzulande kaum noch in den Programmen findet. Wir blicken in diesem Artikel in die Vergangenheit, beleuchten die aktuelle Situation, nennen Gründe und schauen in die Zukunft. Einen Seitenblick in unsere Nachbarländer und über den Kanal wagen wir ebenfalls.

In alter Zeit: Herrenreiter

In der Anfangszeit der Pferderennen in Deutschland hatten die so genannten Herrenreiter eine große Bedeutung. Im Grunde handelte es sich um Amateurreiter, um oftmals zum Militär gehörende Männer. Das erste Rennen soll es im Juni 1829 in Tempelhof gegeben haben, heute ein Ortsteil von Berlin. Allerdings trennten sich wohl alle Teilnehmer von ihren Reitern. Wobei es der Legende nach nur zwei waren. Und zwar in einem Flachrennen. Domäne waren jedoch die Rennen über die Sprünge. Diese wurden oftmals nicht auf festen Bahnen entschieden. Schwung nahm dieser Sport auf in den 1880ern, als es spezielle Bahnen gab in Charlottenburg und in Karlshorst. Das größte Rennen war das Große Armee Jagdrennen, welches von 1862 bis 1914 auf einem Naturkurs in der Wuhlheide Berlin entschieden wurde. Dort entstand später die Rennbahn Karlshorst. 1881 wurde der Verein für Hindernissrennen (mit zwei s) gegründet, der immer noch existiert und über Jahrzehnte den Großen Preis von Karlshorst in Bremen sponserte. Er war es, der die genannten Bahnen bauen ließ und betrieb. In diesen Jahren war das Militär von großer Bedeutung in der Gesellschaft. Ein eigener Verband wurde gegründet im Jahr 1906. Über 700 Aktive gab es. Dann kam der Erste Weltkrieg.

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Karlshorst als Mekka der deutschen Hindernisrennen

Während die erwähnte Bahn in Charlottenburg nur für zehn Jahre bestand, waren es in Karlshorst knapp 50 Jahre als Mekka für Hindernisrennen. Die Eröffnung erfolgte im Jahr 1894. Die Bahn galt als vorbildlich, sie war tatsächlich auf Rennen über die Sprünge spezialisiert. Wobei diese in der damaligen Zeit nicht nur in Berlin, sondern bundesweit eigentlich überall bei den einzelnen Veranstaltungen Teil des Programms waren. Karlshorst existiert immer noch, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage für Trabrennen umgebaut.

Karlshorst, 1917, Foto: TT
Karlshorst, 1917, Foto: TT

Vor dem Abschwung

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR gehörten Rennen über die Sprünge eigentlich immer dazu. So ziemlich jede Bahn veranstaltete sie als Abrundung des Programms. Man könnte an dieser Stelle viele Rennen nennen, die in das kollektive Gedächtnis aufgenommen worden sind – und die seit Jahrzehnten nicht mehr stattfinden. Das Alte Badener Jagdrennen zum Beispiel. Der Große Preis von Karlshorst. Der Preis der Spielbank, den es in Bremen und in Hannover gegeben hat. Überhaupt Hannover: mit 100.000 DM dotierte Jagdrennen waren dort über viele Jahre Highlights. Ob in Köln, Mülheim oder in Düsseldorf: selbst als in den Innenräumen für den Golfplatz gemacht wurde, wurde noch immer über Hürden gesprungen. Wobei Düsseldorf weiterhin Jagdsprünge hätte. Aber de facto waren und sind einige Verantwortliche nicht gerade Anhänger der Hindernisrennen. Also wurden sie nicht mehr ausgeschrieben und es setzte ein Kreislauf ein. Weniger Rennen gleich weniger Pferde gleich weniger Reiter gleich weniger Potenzial, also gab es mehr Unfälle und somit mehr Argumente, dass diese Rennen angeblich niemand sehen will.

Grand Prix of Karlshorst, 1910, Foto: TT
Grand Prix of Karlshorst, 1910, Foto: TT

Wie es zum Abschwung kam

Wann und warum begann der Abschwung? Beginnend in den 1990ern entschieden sich einige Veranstalter, keine Rennen über die schweren Sprünge oder über die Hürden mehr zu veranstalten. Bei einigen geschah dies zwangsweise, weil in den Innenräumen wie erwähnt Golfplätze errichtet wurden. Bei anderen waren die Vorstände von diesem Sport nicht sonderlich begeistert. Mochten sie ihn nicht, schrieben sie die Rennen nicht aus oder taten mehr. Hannover hat seine Jagdsprünge vor vielen Jahren einfach abgeholzt. Geschehen ist dort im Innenraum nichts. Als Baden-Baden neue Betreiber bekam, entschieden die sich dazu, keine Hindernisprüfungen mehr laufen zu lassen. Und in Hamburg gab es im Jahr 2011 einen schweren Unfall, so dass in den folgenden Jahren nur noch das beliebte Seejagdrennen ausgetragen wurde. Bremen fiel aus bekannten Gründen ab 2018 weg, auch diese Bahn war eine Bastion für Hindernisrennen. Also blieben nur noch Mannheim, Bad Harzburg und kleine Bahnen. Im November vor einem Jahr schrieb plötzlich Hoppegarten eine Prüfung über die Sprünge aus, die von der Klasse der Pferde her aber so unterschiedlich besetzt war, dass sehr viele der Starter das Ziel nicht erreichten. Das war natürlich keine Werbung. In diesem Jahr verzichtete plötzliche Mannheim, seit Jahren einer der letzten Hindernisveranstalter.

In internationaler Sicht

In diesem Jahrtausend wurden vermehrt in Deutschland gezüchtete Pferde in den englischen und irischen National Hunt Sport verkauft. Außerdem begann die rege Reisetätigkeit gen Frankreich. Über das Niveau der Rennen über die Sprünge in Frankreich und in England/Irland muss man keine großen Worte verlieren. Wer sich in Deutschland für Pferderennen interessiert, blickt in den Wintermonaten fasziniert über den Kanal, wo Woche für Woche große Prüfungen anstehen. In Deutschland wird hingegen viel verschenkt. Pferde können ihr Potenzial nicht ausreizen, Talente bleiben unerkannt. Reiter mit Gewichtsproblemen hätten mehr Möglichkeiten auf einen Einsatz.

Der Status Quo und die Zukunft Während es im Corona-Jahr 2020 nur zwei Hindernisrennen in Deutschland gab (in Honzrath und in Hoppegarten) waren es 2021 Bad Harzburg und Honzrath, die hier genannt werden können. Quakenbrück hat nicht veranstaltet, Hoppegarten scheint nicht nachlegen zu wollen. Was die Zukunft bringt, ist schwer zu sagen. Angeblich bestehen Pläne, dass es eine Art von neues System geben soll. Vielleicht bringt dieses ja Fortschritte mit sich. Es gibt immer noch eine Reihe von deutschen Trainern, die Pferde springen. Nur dass diese wie erwähnt ins Ausland reisen müssen. Über die Jahre war es üblich, dass zum Schluss einer Rennveranstaltung ein Hindernisrennen stattfand und auf dieses warteten viele Zuschauer, bevor sie nach Hause gingen. Spannung und Abwechslung sind wichtige Argumente, die aber von den deutschen Rennvereinen häufig übersehen werden. Wer behauptet, dass der Sport über die Sprünge nicht mehr zeitgemäß ist, muss in die Nachbarländer schauen.

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