Welcome to the Jungle: Wie eine Amateurin im “Busch” landet

Vom Rennpferd zum Buschpferd
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“Der Holztisch ist ziemlich groß”, dachte ich mir morgens beim Abgehen der Geländestrecke. “Groß und unfreundlich.” Tische sind nur eine von vielen Hindernisformen, die einem in der Vielseitigkeit begegnen. Und tendenziell ein Sprung, vor dem die Reiter (nicht die Pferde) Respekt haben.

Am Nachmittag hatte ich für derlei Sorgen schlicht und ergreifend keine Puste mehr. Lord of Desert xx und ich hatten uns nach einer ordentlichen Dressur und einem fehlerfreien Spring-Parcours recht weit vorne im Ranking unserer allerersten Vielseitigkeit platziert. Am Nachmittag stand dann der letzte Teil des Triathlons an: Das Gelände. In der Klasse A* (circa Ausgleich 3) bedeutet das: Eine Geländestrecke zwischen 1.400 und 2.200 Metern mit rund 20 Hindernissen von jeweils rund 90 Zentimetern. Das bedeutet Baumstämme, Kisten und Hecken. Käseecken, Stufen und Gräben. Wassereinsprünge, Wellenbahn, Hangbahn … und natürlich Tische.

Pferd im Busch

Am Ende des Tages landete Lord of Desert xx (Desert Prince x Acatenango) auf Rang 5 des 23-köpfigen Starterfeldes; knapp geschlagen hinter Ella Ella xx (Nicaron x Roi Danzig). Vier Monate nach unserem ersten Geländetraining konnten wir damit unsere Maidenschaft als “Buschpferd” ablegen.

“Fahr mal zum Bodo. Der kann gut mit Blütern”

Alles begann im Frühjahr 2018, als eine Freundin meinte: “Fahr doch mal mit aufs Geländetraining zum Bodo Battenberg. Der kann gut mit Blütern.” Eigentlich war ich vom Thema feste Hindernisse nur bedingt begeistert, doch andererseits brauchten Lordi und ich dringend Abwechslung. Nach zwei Jahren als Amateurin und einem Jahr als (Mit-)Besitzerin auf der Münchner Galopprennbahn hatte mich der Job weg vom Rennstall Jutta Mayer in Richtung Augsburg geführt.

Und für Lord begann nach 49 Rennen die Umschulung vom Rennpferd zum Reitpferd. Zwischen Dressur, Springen, Ausritten und Turnieren gab es jede Menge zu lernen und jede Menge zu entdecken. Doch irgendwann war klar, dass es meiner kleinen Motivations-Bombe nicht reicht, fröhlich durch die Wälder zu heppeln. Und so wagten wir uns nach Heroldsbach: in den Busch.

Lord of Desert
Lord of Desert am 19.04.2014 Morgenarbeit in Bremen Mahndorf.

Die Sandgrube Heroldsbach ist eine verwinkelte und hügelige Waldpiste, auf der mein Flachlandpferdchen und ich ganz schön ins Schwitzen kamen. Nach zwei Jahren des Dressur- und Parcours-Reitens musste Bodo erstmal unseren Grundgalopp einstellen: Schließlich wird im Busch auf deutlich größeren Linien sehr viel schneller geritten. Dass sich mein Rennpferdchen gleich heimisch fühlte, muss ich wohl nicht betonen.

Das dichte Grün der Sandgrube hatte einen ganz entscheidenden Vorteil für Busch-Neulinge: Man sah die Sprünge erst im letzten Moment. Und konnte sich, anders als auf den üblicheren Wiesen-Strecken, natürlich auch erst im letzten Moment sorgen. Bodo schubste Lordi und mich mit einem gesunden Augenmaß über Stämme, Kisten, Hecken, Stufen rauf und Treppen runter … und durch manch andere Aufgabe, die ich vor diesem Wochenende ehrlicherweise im Leben nicht angeritten hätte.

Zwei Tage. Zwei Trainingseinheiten. Ein Trainer, dem ich im Eifer des Gefechts irgendwann blind vertraute. Ein Pferd, das sich übermotiviert und geschickt durch alle Aufgaben schlängelt. Und es war klar: Im Busch; da sind wir zuhause.

Bootcamp für den Triathlon

Um wirklich turnierfit zu werden, besuchten Lordi und ich unseren Trainer Bodo einige Wochen im Allgäu. Denn so lustig die Geländereiterei auch war; Vielseitigkeit ist letztendlich ein Triathlon. Der erste Teil, die Dressur, ist tendenziell keine Paradedisziplin der Vollblüter. Denn die aufwändigen Bewegungen, die die Dressur-Richter gerne sehen, wären bei einem Speed-Pferd schlicht und ergreifend nicht zielführend. Umso wichtiger war es, dass wir eine besonders korrekte Vorstellung liefern.

Im Parcours-Springen werden im gesetzten Tempo auf engen Linien wenige Hindernisse gesprungen. Berühren der bunten Stangen ist strengstens verboten, denn sie fallen nur allzu schnell. Und bescheren dem Reiter vier Strafpunkte je Abwurf. Im Gelände reitet man dann auf großen Linien im großen Gang über feste Hindernisse.

Bodo hatte mit seinem Cadgold xx bereits einen Ex-Galopper bis in die höchsten Vielseitigkeits-Klassen ausgebildet und lieferte jede Menge kreative (und sehr anstrengende) Ideen, um Lordi und mich in Form zu bringen. Und der Erfolg gab ihm Recht. Beim Stilgelände E auf dem Landgestüt Schwaiganger holten wir uns Rang 2 von 53 Startern, beendeten die kombinierte Prüfung der Klasse E in Unterbeuern mit drei Schleifen (eine davon golden) und platzierten uns gleich bei der ersten A* Vielseitigkeit im Herbst 2018.

Vom Rennpferd zum Buschpferd

Nachdem wir 2019 mit einem ganz besonderen Highlight einläuten durften, einem Live Geländetraining im großen Showring der Equitana, war der Plan für die Saison gut gefüllt. Wir wollten fleißig trainieren. Besser werden. Beim Pfingstturnier im bayrischen Niederseeon starteten wir das erste Mal eine VA**. Sicherlich noch nicht rund, doch wie üblich kämpfte mein kleiner Lord wie ein Löwe. Die folgende Pause hatte er sich mehr als verdient. Mit Wellness. Ausritten. Und ein bisschen Dressur-Gymnastik. Doch es sollte anders kommen …

Mein Pferd hat sich noch nie Zeit gelassen. Auch beim Sterben nicht

Wenn morgens um sechs deine Stallbesitzerin anruft, ist das kein gutes Zeichen. Wenn deine erfahrene und diensterprobte Stallbesitzerin mit merklicher Panik in der Stimme sagt, dass du SOFORT den Tierarzt rufen sollst; dann hast du ein Problem. Während ich mit der einen Hand die benachbarte Tierklinik verständigte, zog ich mir mit der Anderen Schuhe und Jacke an. Beim Sprint Richtung Auto rief ich erneut meine Stallbesitzerin an: Der Tierarzt ist unterwegs. Ich auch. Zwei Minuten waren bis dahin vergangen.

Zwei Minuten; und aus ihrer Panik war Ruhe geworden. Aus “Dein Pferd hat epileptische Anfälle” ein “Wir reden, wenn du am Stall bist. Fahr bitte vorsichtig”. Die Münchner Autofahrer mögen mir nachsehen, dass ich mich an diesem Tag ziemlich gnadenlos durch den morgendlichen Berufsverkehr gekämpft habe. Stau ist ein Thema, dass schon an normalen Tagen keinen Spaß macht. Wenn Hirn und Herz dir sagen, dass dein Pferd gerade gestorben ist; dann würde man am liebsten ausrasten.

Am Stalleingang erwarteten mich bereits meine Stallbesitzerin und die Tierklinik Wolfesing um zu bestätigen, was mein Bauchgefühl bereits vermutet hatte. Lord war tot. Vermutlich ein Aortenabriss. Und von meinem Herzenspferd und langjährigen Freund blieben vier Hufeisen. Und eine Strähne Schweifhaar. 

Auf der Suche nach Perspektiven: “Ich hab das was”

Wenn Sie jahrelang jede freie Minute mit einem Tier verbracht haben, dann können Sie sich das Loch vielleicht vorstellen, das danach folgte. Und so funkte ich ein paar Vermittlerinnen von Rennbahn-Rentnern an: Wenn im Laufe des Jahres mal ein passendes Pferd auf der Bahn frei wird; denkt doch bitte an mich. Durch meine Facebook- und Instagram-Aktivitäten (“Ein Rennpferd geht in Rente) kannten mich die Damen und wussten in etwa, was ich suchte: Die eierlegende Wollmilchsau. Hirn und Herz sollte er haben (fürs Gelände), dazu gute Bewegungen (für die Dressur) und ein schnelles Vorderbein (für den Parcours). Da ich alles andere als ein Zwerg bin, hatte ich mir ein etwas größeres Format gewünscht.

Duke in München
Duke in München

Und auch das Alter war bei der Buschpferde-Suche ein wichtiger Faktor: Denn vier- bis sechsjährigen darf man in den sogenannten “Geländepferde-Prüfungen der Klasse A” vorm Start alle Hindernisse und vor allem das Wasser zeigen (in fremdes Wasser laufen oder gar springen ist für die Pferd anfangs eine ziemliche Überwindung). Siebenjährige dürfen nur noch in der nächsthöheren Klasse L den Kurs besichtigen; ab acht Jahren müssen die Pferde dann aus der Startbox heraus auf fremden Strecken “funktionieren”.

Ich hatte ehrlicherweise mit Monaten gerechnet, bis ein interessanter Kandidat auftaucht. Eine eierlegende Wollmilchsau mit dem entscheidenden Sahnehäubchen: Er sollte mir sympathisch sein. Bestenfalls mit Wochen. Völlig unerwartet kam, dass sich Anke Dahlhaus von Liberty’s Home nach wenigen Stunden meldete: “Ich hab da was”. Vier Worte, die bei mir ein ziemliches Herzrasen auslösten.

Denn Anke und ich kannten uns seit der Equitana im Frühjahr und sie wusste sehr genau, wie mein geeigneter Partner aussehen sollte. Wie sich rausstellen sollte, hatte sie in Rekordzeit etwas ganz und gar Außergewöhnliches aus dem Hut gezaubert: Basillus xx. Vierjährig. 170 cm groß. Charmant. Intelligent. Ehrlich. Und trotz sehr aufwändigen Bewegungen hatte er sogar ein bisschen Preisgeld auf dem Konto. Herz hat er also auch.

Eine Woche später bezog der Bub unter dem Decknamen “Duke” seine Paddockbox im Münchner Osten. Die Reise #VomRennpferdzumBuschpferd beginnt.

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Die Reiterin

Janina Beckmann, Jahrgang 89, verbrachte nach der Schule ein Jahr als Arbeitsreiterin für Hunter & Point to Pointer im Norden Englands sowie einen Sommer als “Stallion Handler” auf den irischen Kylemoor Stud Farms. Nach dem Studium engagierte sie sich an den Wochenenden als Amateurin auf der Münchner Galopprennbahn; erst im Rennstall Glanz und später bei Jutta Mayer. Im Sommer 2012 lernte sie Lord of Desert xx kennen und lieben und kaufte ihn, zusammen mit Lords Züchter, im Herbst 2014 nach einem Gastspiel in Ostdeutschland von Stall Nicole. In ihrem gemeinsamen Rennbahn-Jahr siegte Lord bei acht Starts einmal (unter Mikki Caddedu in Mannheim) und lief fünfmal ins Geld. Nach einer beruflichen Veränderung verließen Lord und sie den Münchner Rennstall Jutta Mayer Richtung Augsburg und Richtung Reitsport.

Hauptberuflich ist die gebürtige Sportjournalistin seit Jahren in der PR tätig und seit Sommer 2019 Inhaberin einer Agentur für Public- und Media Relations.

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