Nachts um halb drei in Deutschland: Ein Rennpferd geht in Rente

Pferd im Bush Ein Rennpferd geht in Rente
Duke
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Nachts um halb drei war mein frisch pensioniertes Rennpferd vom Transporter gekrabbelt und hatte seine Paddockbox im hübschen Münchner Vorort Garkofen bezogen. Trotz sommerlicher Temperaturen und zahlreicher Staus hatte er die Reise müde, aber unbeschadet überstanden. Ein kurzer Blick in den Futtertrog. Ein paar Maul voll Heu aus dem alles andere als bescheidenen Futterberg. Dann hing der Kopf auch schon auf Halbmast und mein Blüterchen schlummerte friedlich vor sich hin.

Tag 1: Eine Bestandsaufnahme

Ein viel zu kurzes Schläfchen später war ich wieder am Stall, um mein – inzwischen fröhlich mampfendes – Pferd näher kennenzulernen. Durch eine glückliche Fügung hatte ich für Duke ab Tag 1 eine „Terrassenwohnung“ ergattert; eine Luxus-Unterbringung, auf die man normalerweise Wochen wenn nicht gar Monate warten muss. In der Hinsicht ist der Münchner Wohnungsmarkt für Pferde nicht viel besser, als für Menschen …

Dukes Stall
Dukes Stall

Einziges Problem: Mein pflichtbewusster Blüter stand brav in seiner Box und streckte immer mal wieder neugierig die Nase aus dem unheimlich großen Fenster. Also habe ich flugs ein Halfter übergestreift und Duke mit seelischem Beistand die neue Freiheit näher gebracht. Das freundliche „Hallo“ der Nachbarn, die – anders als in den Rennstall-Boxen – ihre Nasen bei Bedarf ziemlich weit auf den Paddock strecken können, lief zum Glück ruhig und freundlich ab. Es wurde geschnuppert, gegrummelt und nach wenigen Minuten waren die Herren bereits voll und ganz in die Mähnenpflege vertieft.

Bei Dukes erster lockerer Jogging-Runden im Roundpen zeigte sich bereits eine große Baustelle für die angehende Umschulung zum Buschpferd: Seine Koordination. Eine Erkenntnis, die auch Duke’s Vorgänger Lord in den ersten Tagen nach der Rennbahn wenig Freude bereitet hatte: Das Leben als Reitpferd ist voller Kurven und Wendungen.

Duke Stoppelfeld

Trotz eines sehr ruhigen Tempos trat sich Duke im Roundpen gleich mehrere Male so unglücklich mit einem Hinterhuf gegen das andere Hinterbein, dass ich die geplante Lockerungs-Runde nach der langen LKW-Fahrt zügig abbrach und mich doch fürs Gassi führen entschied. Zum zweiten Anlauf trug er am nächsten Tag die volle Schutzmontur: mit vier hohen Gamaschen (zum Schutz der Beine) sowie vier Springglocken (zum Schutz vor Ballentritten und seitlichen Streif-Verletzungen). Ein Hoch auf den Zubehör-Schrank im Reitstall!

Nachdem Duke warm und potenziell vorhandener Dampf abgelassen war, drehten wir noch eine Besichtigungsrunde über die Reitanlage. Unter Freizeitreitern sind aktuell Plüsch- oder gar Lammfell-Halfter beliebt, die sicherlich schön kuschelig sind. Hut ab vor jenen Besitzern, die ein scheuendes oder gar bockendes Pferd damit halten können.

Duke
Duke

Als sicherheitsbewusster Ex-Rennbahnler habe ich brav ein Gebiss eingeschnallt und Duke mit Dressurplatz und Springwiese, Reithalle und Laufband, Waschbox, Solarium und natürlich unserer kleinen Rasen-Rennbahn bekanntgemacht. Die erfreuliche Erkenntnis: Duke ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Zumindest fast nicht. Ein entgegenkommender Mops (also der Hund …), der krankheitsbedingt beide Augen verloren hatte, brachte meinen sanften Riesen gänzlich aus der Fassung. Und machte mich sehr froh, dass ich ihn nicht am Plüsch-Halfter geführt hatte.

Den Magen an Heu- und Grasberge gewöhnen

Ein großer und wichtiger Punkt für Tag eins war sicherlich das Thema Raufutter. Den Heuberg habe ich ehrlicherweise über Nacht auf „grenzenlos“ hochgeschraubt (offenes Heu am Boden sowie ständig ein gestopftes Netz); beim Thema Gras war ich deutlich vorsichtiger. Glücklicherweise kannte Duke aus dem Rennstall Recke bereits Koppelgang mit Gesellschaft.

Reitstall Garkofen

Doch von ein bis zwei Stunden Koppel mit einem Blüterkollegen auf neun Stunden Koppelgang in einer großen, gemischten Herde (= Wallache UND Stuten) waren es viele kleine Anweide-Schritte. An Tag eins hatte Duke eine ganze Koppel für sich alleine und fand das frische grün ehrlicherweise viiieeeel spannender, als die Herde auf der anderen Seite des Zauns.

Live and Learn: Man spannt anderen Jungs nicht die Freundin aus

Spannend wurde eine Woche später Dukes Vergesellschaftung mit der Herde. Aus Sicherheitsgründen packte ich ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Beine in Watte ein (Stallgamaschen) und öffnete den Zaun. Ab Minute eins übernahm Dukes Boxennnachbar und Herdenchef Luke das Wort, stellte ihn im wahrsten Sinne des Worten den einzelnen Herdenmitgliedern vor und faltete jeden Bewohner zusammen, der nicht nett zu dem Neuen war. „So weit, so gut“, dachte ich mir und zog nach zwei friedlichen Stunden die Gamaschen aus.

Leider stellte mein schlacksiger Teenager-Bub irgendwann fest: In der Herde gibt es ja MÄDCHEN. Also schickte er zur Mittagszeit den Chef zum Teufel und verkündete mit stolz geschwollener Brust (mit seiner dürren Hühnerbrust sah die Show eher ulkig aus) seine Liebe für eine stämmige Grauschimmelstute. Für eine VERGEBENE Grauschimmelstute.

Duke Koppel

Nicht lange danach kam meine erste mittelfristige Herzattacke als frisch gebackene Galopper-Besitzerin: Der Kleine hoppelte auf drei Beinen über die Koppel Richtung Ausgang. „Sch…“, dachte ich nur und fing an ihm entgegenzurennen. Drei kräftige Bissspuren am Po zeugten von einer Lektion, die ihm die anderen Jungs der Herde verabreicht hatten: Man spannt anderen Kerlen nicht die Freundin aus. Die kräftige Streif-Verletzung am Sprunggelenk hatte er sich jedoch eindeutig selbst zugefügt. Weiß der Himmel, wie …

Zwei Boxenruhe und zwei Erholungstage später kam Herden-Anlauf Nummer zwei: Mit einem merklich kleinlauteren Jungspund, der sich brav und Drama-frei in die Herde einordnet. So weit, so gut …

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