Insider-Talk mit Sibylle Vogt: „Ich habe 2020 95.000 Kilometer zurückgelegt“

Sybille Vogt
Sybille Vogt, 30.06.2018, Hamburg
Road to Cheltenham

36 Siege allein in Deutschland, aber auch international große Erfolge – 2020 war das Jahr von Sibylle Vogt (25). Die gebürtige Schweizerin ist die beste Rennreiterin hierzulande geworden und kann es auch mit jedem ihrer männlichen Kollegen aufnehmen, wie Platz sechs in der Statistik der Jockeys beweist. Am Freitag ist sie erneut beim Jockey-Wettbewerb in Riad dabei. Exklusiv im Insider-Talk auf dem RaceBets-Blog berichtet sie über ihre Pläne und Erfolge.

„Der Triumph in Saudi-Arabien war für mich sehr bedeutend“

Vor genau einem Jahr haben Sie einen großen internationalen Jockey-Vergleichskampf in Saudi-Arabien gewonnen. Was bedeutete Ihnen dieser Triumph?

Sibylle Vogt: Der Triumph in Saudi-Arabien war für mich sehr, sehr bedeutend, auch für mich persönlich, um zu sehen, ob ich mit der Elite mithalten kann oder nicht. Das war unbeschreiblich. Ich hätte nie gedacht, dass ich den Hauch einer Chance habe. Ich hatte gezweifelt, ob ich mich blamiere. Aber dass es so gut laufen würde, habe ich nie erwartet. Umso schöner war nach dem anfänglichen zweiten Platz, den Sieg am Grünen Tisch zu erlangen. Ich glaube auch, dass das der Ausschlag war, dass die Saison 2020 so gut für mich verlaufen ist. Das hat bei vielen Leuten mehr Vertrauen zu mir und die Frauen allgemein gegeben.

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Sibylle Vogt
Sibylle Vogt, 28.02.2020, Saudi-Arabien, Foto: Edward Whitaker

Gelingt die Titelverteidigung?

Werden Sie auch diesmal daran teilnehmen?

Sibylle Vogt: Ja, ich bin eingeladen zu der Jockey Challenge 2021 am Freitag. Ich freue mich riesig darauf, da ich nun meinen Titel verteidigen kann und als Erste eingeladen wurde. Ich hoffe natürlich, dass das trotz Corona genauso reibungslos über die Bühne geht wie letztes Jahr. Das wird für die Organisatoren eine große Herausforderung. Im vergangenen Jahr war dieser Wettbewerb richtig gut organisiert. Wir wurden am Flughafen abgeholt, zur Rennbahn gefahren. Man hat als Frau nie das Gefühl gehabt, dass man diskriminiert würde. Man hat sich in Saudi-Arabien enorm viel Mühe gegeben. Das hat mich wirklich beeindruckt, weil ich schon mit gemischten Gefühlen dahin gereist bin, da man gehört hatte, dass Frauen dort wenig Rechte haben. Klar, Schwimmen oder Hallenbad ist für Frauen nicht erlaubt. Aber auf der Rennbahn war für Frauen und Männer alles gleich.

Attraktive Preisgelder in Frankreich

Sie bleiben auch in dieser Saison am Stall von Carmen Bocskai in Iffezheim tätig, nachdem Sie auch mit anderen Quartieren in Verbindung gebracht wurden. Was hat den Ausschlag gegeben? Wie häufig reiten Sie im benachbarten Frankreich? Und wie wichtig ist das für Sie?

Sibylle Vogt: Ich bin bei Carmen Bocskai geblieben, da sie 95 Prozent ihrer Starter in Frankreich hat, wo ja die Preisgelder etwas höher als bei uns sind. Das ist natürlich sehr verlockend. Ich habe um die 210 Ritte letztes Jahr in Frankreich gehabt und 23 Rennen gewonnen. Damit kann ich sehr zufrieden sein. Ich hoffe, dass 2021 genauso gut oder vielleicht sogar noch ein bisschen besser wird. Aber es ist in Frankreich natürlich schwer, dort an weitere Ritte zu kommen, da ich auch keinen Manager habe. Vielleicht werde ich in der Zukunft auch mit einem Agenten zusammenarbeiten. Mal schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Um international angesehen zu werden, ist es von Vorteil, wenn man in vielen verschiedenen Ländern reiten kann, da einen dann viel mehr Menschen sehen. Ansonsten machen die Preisgelder die Teilnahme in Frankreich besonders interessant.

Sergeant siegt unter Sybille Vogt
Sergeant siegt unter Sybille Vogt, 06.09.2020, Baden-Baden

„Die Frauen-Erlaubnis in Frankreich ist Gold wert“

Was halten Sie von der Amazonen-Erlaubnis in Frankreich?  Sollte man das auch in Deutschland einführen?

Sibylle Vogt: Die Frauen-Erlaubnis in Frankreich ist wirklich Gold wert. Man sieht fast keine schlechten Reiterinnen dort mehr. Sie lassen sich von den Männern nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Wenn man gefördert wird durch die Anderthalb-Kilo-Erlaubnis, hat man die Möglichkeit, öfter und bessere Pferde zu reiten. Das Rennreiten kann man nur durch die Rennen lernen. In Grupperennen gibt es die Erlaubnis nicht, was ich richtig finde. Da reiten dann natürlich wenig Frauen. Beim Nachwuchs kommen in erster Linie Frauen nach, daher fände ich die Erlaubnis bei uns auch gut. Ich bin nur dagegen, dass Frauen in der Ausbildung noch mehr Erlaubnis bekommen, das sollte wie bei den Männern sein. Nur nach den 50 Siegen sollten sie die anderthalb Kilo wie in Frankreich erhalten.

„Riesen-Ehre für mich“

Ihren zweiten Ruf haben Sie an den Asterblüte-Stall von Peter Schiergen vergeben. Was erwarten Sie von dieser tollen Chance? Wie koordinieren Sie das mit ihrem anderen Job in Iffezheim?

Sibylle Vogt: Für mich ist es eine Riesen-Ehre, als zweiter Stalljockey an solch einem Stall wie Asterblüte tätig zu sein. Ich bin ja auch die erste Frau, die solch ein Engagement bekommen hat. Ich erhoffe mir, dass ich auch in den größeren Rennen mehr Chancen bekomme. Sicherlich kann ich von Bauyrzhan Murzabayev und dem ganzen Team auch viel lernen. Darauf bin ich sehr gespannt und freue mich sehr.

New Harzburg und Sibylle Vogt
New Harzburg und Sibylle Vogt, 14.10.2020, Mülheim

Unverändert bleibt Iffezheim der morgendliche Einsatzort

Ich werde ganz normal bei Carmen Bocskai in Iffezheim bleiben. Wenn es so weiterläuft wie 2020, dann fehlt mir dazu einfach die Zeit aufgrund der Frankreich-Starts und den vielen Fahrten. Es wäre dann sehr stressig und fast unmöglich, auch noch unter der Woche nach Köln zu fahren. Es könnte höchstens sein, wenn wichtige Galopps anstehen, wie für Derby oder Diana oder bedeutende Gruppe-Galopps, dass ich dann hinfahre.

„Ich fahre überall hin“

Sie waren die einzige Frau in den Top 10 der Jockey-Statistik 2020. Wie schwer ist es noch, sich als Frau in diesem Beruf zu etablieren? Was sind Ihre Stärken?

Sibylle Vogt: Als Frau ist es vor allem schwer, in den großen Rennen Ritte zu bekommen und auch in den Handicaps auf die guten Pferde zu kommen. Wenn man wenig in wichtigen Prüfungen dabei ist, wird man auch wenig wahrgenommen.  Da ist es schwer, sich hochzuarbeiten. Eine meiner Stärken ist, dass ich sehr selbstkritisch bin. Ich schaue mir meine Rennen immer später noch einmal an und sehe, was ich noch besser machen kann. Da hilft mir vor allem sehr Georg Bocskai, der sich im Büro mit mir zusammen die Rennen noch einmal anschaut und mir Dinge erklärt und mit Rat und Tat zur Seite steht, genau wie Carmen. Ich bekomme von beiden sehr große Unterstützung. Ich bin auch überall hingefahren, egal wieviele Ritte ich hatte, um gesehen zu werden und zu zeigen, dass ich wirklich weiterkommen möchte. Das werde ich beibehalten. Ich versuche, überall zu reiten. Ich scheue keine weiten Distanzen. Das hat mir bisher sehr viel gebracht.

Tolle Erinnerungen an Wai Key Star und New Harzburg

Was waren Ihre persönlichen Highlights 2020? Was sind Ihre Hoffnungen für das neue Jahr?

Sibylle Vogt: Meine persönlichen Highlights waren die Jockey Challenge in Saudi-Arabien, der Treffer mit Darshano in einem Quinté+-Rennen in Frankreich und natürlich auch der Gruppesieg mit Wai Key Star in Baden-Baden. Das hat mich riesig gefreut, als Frau überhaupt ein zweites Grupperennen gewinnen zu können. Ich muss Sarah Steinberg ein Riesenlob aussprechen, sie unterstützt mich sehr. Auch Rene Piechulek kann ich jederzeit um Rat fragen. Da habe ich sehr gute Ansprechpartner. Wie in jedem Sport braucht man das, um weiterzukommen. Toll war auch, zum zweiten Mal hintereinander das Silberne Band der Ruhr zu gewinnen. Ich hätte nicht gedacht, dass das klappen würde. Aber New Harzburg, eine kleine, feinen Stute, hat solch ein großes Herz bewiesen und mir zu diesem Erfolg verholfen. Das war unbeschreiblich.

2021 würde ich natürlich gerne wieder ein Gruppe-Rennen gewinnen, vielleicht auch auf Gruppe II- oder Gruppe I-Ebene. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, dass ich meine Siegzahl noch verbessere, gesund bleibe und von Verletzungen verschont bleibe. Denn nur dann ist das überhaupt möglich.

Wai Key Star mit Sybille Vogt
Wai Key Star mit Sybille Vogt, 05.09.2020, Baden-Baden

„Ein Umzug kommt nicht in Frage“

Sie pendeln täglich von Bexbach, wo Sie mit Ihrem Lebensgefährte Sven Schleppi wohnen, nach Iffezheim. Wieviele Kilometer leben Sie pro Jahr zurück? Käme für Sie beide auch ein Umzug in Frage, um näher dran zu sein an Ihrem Job?

Sibylle Vogt: Ich glaube, ich habe 2020 um die 95.000 Kilometer zurückgelegt. Ein Umzug würde für uns beide nicht in Frage kommen, da Sven den Familienbetrieb führt. Die Familie hat einen Hof mit 90 Einstellern und den Rennstall, den er betreibt. Wenn ich umziehen wollte, müsste ich das alleine machen, und das würde für mich auch nicht in Frage kommen.

Wegen Corona kein Auslandsjob im Winter

Könnten Sie sich auf Dauer auch vorstellen, einen Job im Ausland anzunehmen, zum Beispiel über Winter?

Sibylle Vogt: Ja, das könnte ich mir vorstellen. Der Job müsste mich natürlich weiterbringen, aber nicht um nur im Training auszureiten. Über Winter wäre das gar keine Frage. ich hatte mir schon erhofft, im letzten oder in diesem Winter wegzufahren. Aber wegen der der Corona-Situation war das zu umständlich, und deshalb habe ich davon abgesehen.

„Gummibärchen sind Nervennahrung beim Autofahren“

Wie halten Sie sich fit? Wie sieht Ihr Ernährungsplan aus?

Sibylle Vogt: Fit halte ich mich durch Laufen gehen. Ich reite nachmittags noch bei meinem Lebensgefährten, mache auch etwas Krafttraining. Das hängt auch davon ab, wieviele Rennen ich reite. Ich esse viel Salat, Gemüse, Reis und Fleisch, was jeder so gerne ist. Ich versuche, mich ausgewogen zu ernähren, aber mir nichts zu verbieten. Ich esse auch mal Schokolade. Ganz gerne auch manchmal Gummibärchen, das ist Nervennahrung beim Autofahren.

Der Traum vom Derby und Arc

Welches Rennen würden Sie besonders gerne einmal gewinnen?

Sibylle Vogt: Ich würde gerne einmal das Deutsche Derby gewinnen, das wäre ein Traum. Oder der Prix de l‘ Arc de Triomphe, zumindest würde ich daran gerne einmal teilnehmen.

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