Ein Gruppe-Rennpferd geht in Rente

Sibelius am 20.06.2020 Renntag in Dortmund

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Seit Corona kaufen die Menschen nicht nur Hunde und Katzen, sondern auch jede Menge Pferde. Wie gut die jeweilige Anschaffung durchdacht war, wird nur die Zeit zeigen … doch das steht auf einem anderen Papier.

Schon vor Monaten fiel mir ein Pechvogel ins Auge: Ein schönes, junges Gruppe-Rennpferd, der scheinbar schlicht durchs Raster fiel und von den Reitpferde-Käufern immer wieder übersehen wurde. Sibelius verdiente sich bereits 2-jährig Backtype. Er war insgesamt 19 x am Start; davon 12 x in Listen- oder Gruppe-Rennnen (u.a. Deutsches Derby 2019). Er war 12 x im Geld, doch 18 x waren andere Pferde ein bisschen schneller als er. Sein letzter Start im Herbst 2020 war ungewöhnlich schwach; bei der anschließenden Bronchioskopie fand der Tierarzt etwas Blut in der Lunge. Seine Besitzer entschieden umgehend, ihn aus dem Rennsport zu nehmen und wünschten sich eine passende, neue Aufgabe im Reitsport.

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Ein Top-Rennpferd geht in Rente

Doch sein Pech hielt an. Viele Leute fanden ihn toll, doch stets war ein anderes Pferd ein bisschen überzeugender. Endlich fand sich eine tolle Interessentin für ihn. Leider nahm sie die “verbindliche Zusage” ein bisschen zu lax … und wartete … und wartete … um letztendlich wieder abzusagen. Spätere Interessenten wollten wissen, ob und wie gut er springt: Eignet er sich ggf. Für eine Zukunft im Vielseitigkeitssport? Eine Frage, die ein Flach-Rennstall schlicht nicht beantworten kann.

Sibelius goes to Luhmühlen

Ende April wurden dann auch noch die Boxen im Rennstall knapp und so zog der schöne Hengst kurzerhand bei mir in Luhmühlen ein. Ein Rennpferd in der Hochburg der Vielseitigkeitsreiter. Ich hatte in den letzten Wochen vorwiegend Warmblüter geritten und mit Sibelius kam das Gefühl, als dürfte ich nach einem Trampeltrecker endlich wieder Ferrari fahren. 3 Gramm am Bein, 3 Gramm an der Hand und 300 PS unterm Hintern – ein herrliches Reitgefühl.

Mag er springen? Kann er springen? Dann stände ihm eine Zukunft in der Vielseitigkeit offen
Mag er springen? Kann er springen? Dann stände ihm eine Zukunft in der Vielseitigkeit offen

In den ersten Wochen stand für Sibelius vor allem Sightseeing auf der Agenda. Er war von Röttgen einen strukturierten und sehr geordneten Tagesablauf gewöhnt – das Gewusel an einem Reitstall mit 200 Pferden, Zuchtbetrieb und Reitschule war für ihn ganz schön spannend. Dass Pferde zu jeder Tageszeit in alle Richtungen laufen ist für ein Rennpferd anfangs ziemlich irritierend, doch in Woche 2 hörte er bereits auf, nach “seinem” Lot Ausschau zu halten und wurde selbstständiger.

Der Respekt der Stallkollegen war anfangs ziemlich amüsant; ein Rennpferd, ein Hengst und dann auch noch vom legendären Gestüt Röttgen. Doch die Leute stellten schnell fest, dass der kleine Mann tadellos erzogen war. Es gab ein paar ulkige Momente, als mich zum Beispiel eine Reiterin fragte: “Warum reitest du ihn nur so kurz?” (Sibelius war bereits abtrainiert; darum machte ich am Anfang sehr kurze Einheiten mit ihm.) “Als Rennpferd ist er doch sicherlich gewöhnt, 2 bis 3 Stunden am Tag zu galoppieren?” Öhm … Es folgte ein bisschen Aufklärungsarbeit über den Alltag eines Rennpferdes. Ein Stall voller pferdeverrückter Menschen, doch kaum einer hat jemals eine Rennbahn betreten.

Ein Top-Rennpferd geht in Rente

Ein Musterschüler

Sibelius zeigte sich weiterhin als Streber. Da er ein Verkaufspferd ist und noch seinen Lebensplatz sucht, bekam er einen disziplinübergreifenden Crashkurs: Die ersten Stangen und Hindernisse, im Wald die ersten Baumstämme und natürlich ganz viel Ausritten in unbekanntem Gelände. Und was soll ich sagen? Das Pferd macht einfach nur Spaß!

Mit 5 Jahren hat er das perfekte Alter für die Vermittlung, aber mit 163 cm ist er halt ein bisschen zu klein, um den Vielseitigkeitsreitern zu gefallen. Pferde im oberen 160er Bereich sind besonders gefragt. Den Freizeitreitern hat er als Hengst mit knapp 90 Kilo GAG etwas zu viel PS und einfach braune Pferde scheinen derzeit nicht in Mode zu sein. Und so viel er immer wieder durchs Raster.

Das Premium-Rennpferd mag nicht schmutzig werden. Da kamen 10 Tage Unwetter und nasse Paddocks gerade recht
Das Premium-Rennpferd mag nicht schmutzig werden. Da kamen 10 Tage Unwetter und nasse Paddocks gerade recht

Doch es gibt Hoffnung: Vergangene Woche hat Sibelius den ersten Ausflug unternommen und seine Nervenstärke bei einer Reitstunde auf einer fremden Anlage unter Beweis gestellt. Und in den nächsten Tagen haben sich gleich mehrere, sehr hoffnungsvoll klingende Interessentinnen für ihn angemeldet.

Also ganz feste Daumen drücken.

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