Insider-Talk mit Naomi Heller: „Ein Sport der Emotionen, Energie und Liebe“

Naomi Heller
Naomi Heller
RaceBets Million

Schon in diesem Winter agierte Naomi Heller in Deutschland überaus erfolgreich.

Exklusiv im Insider-Talk auf dem RaceBets-Blog berichtet die Schweizer Amateurreiterin über ihre Laufbahn.

Sie haben in den vergangenen Wochen und Monaten mehrere Sieger für Trainer Frank Fuhrmann geritten. Wie kam der Kontakt zustande?

Naomi Heller:  Ich durfte anlässlich der Fegentri-Weltmeisterschaft ein paar Rennen in Deutschland reiten, was mir immer sehr gut gefallen hat. Es war für mich mehr und mehr eine Rückkehr und ein Wiedersehen mit guten Freunden, weshalb ich mich immer besonders auf die Rennen in Deutschland gefreut hatte. So wurde der Wunsch schnell groß, auf eigene Faust zurückzukehren, worauf Susanne Gossing in Bad Harzburg den Kontakt mit Frank Fuhrmann hergestellt hat. Mit einem unvergesslichen Rennen mit Rateel in Baden-Baden legten wir den Grundstein für die sehr gute Sandbahnsaison und hoffentlich noch viele weitere tolle Rennen.

Wie ist Ihre bisherige Bilanz in Deutschland?

Heller: Ich habe in den Fegentri-Rennen von Christian von der Recke, Wolfgang Schöps und Katja Gernreich und jetzt von Frank Fuhrmann unglaublich tolle Chancen bekommen, was nicht selbstverständlich ist. Insgesamt sind es sechs Siege und einige Platzierungen. Es würde mich sehr freuen, wenn ich noch ein paar Punkte zum Trainerchampionat von Frank Fuhrmann beisteuern könnte.

Wie sind Sie zum Rennsport gekommen? Welche „Aktien“ hat dabei Ihre Familie?

Heller: Wir hatten eine Reitschule zuhause und leben in der Nähe der Pferderennbahn in Aarau, wo wir uns ab und zu die Rennen anschauten. Mich haben die edlen Vollblüter schnell in den Bann gezogen , und ich wollte eine Rennreiterlehre (dauert in der Schweiz drei Jahre) absolvieren. Mit 10 Jahren nahm ich am 1. Ponyrennen teil, was der Start einer nicht sonderlich erfolgreichen Karriere war. Unsere Ponys waren nicht schnell und wussten genau, wo sich der Ausgang der Rennbahn befand. Die Wege trennten sich häufig, bevor wir das Ziel zusammen in Rennrichtung überquerten. Ab 12 Jahren ging ich zuerst in den Schulferien und später, als ich ein Generalabonnement besaß, auch am Wochenende im Rennstall von Karl Klein und später von Josef Stadelmann ausreiten.

„Der Sieg mit Rateel war einzigartig“

Was waren Ihre bisherigen Stationen und schönste Erfolge?

Heller: Jeder Sieg oder jedes gute Resultat bedeutet mir viel, weshalb es mir immer sehr schwer fällt, diese Frage zu beantworten. Einzigartig war sicher der Sieg mit Rateel vor der Wahnsinns-Kulisse in Baden-Baden bei meinem ersten Einsatz für den Rennstall Fuhrmann letztes Jahr. Das Pferd war mir auf Anhieb sehr sympathisch und war in toller Verfassung, was er dann auch bewies. Ein frühes Highlight dieses Jahr war der Sieg mit Rollicking in Mülheim, welcher mich unglaublich fürs Pferd freute und der erste Treffer des Rennstalls Fuhrmann in 2020 war.

Rateel siegt unter Naomi Heller am 29.08.2019 in Baden-Baden
Rateel siegt unter Naomi Heller am 29.08.2019 in Baden-Baden

Was begeistert Sie an den Pferden und dem Reiten?

Heller: Die Pferde sind so wie sie sind, denn die verstellen sich nicht und sind ehrlich. Und trotzdem hat jedes von ihnen einen eigenen Charakter und ist einzigartig. Um eine möglichst gute Zusammenarbeit erreichen zu können, muss man diesem Charakter und den Bedürfnissen möglichst gerecht werden, was mich sehr fasziniert.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Reiten und Reisen gerne verbinden. Was waren Ihre tollsten Eindrücke? Und in welchen Ländern sind Sie bereits in den Sattel gestiegen?

Heller: Das Tollste an den zwei Jahren der Fegentri-Weltmeisterschaft waren all die sympathischen Besitzer, Trainer und Leute rund um die Pferde, die ich kennenlernen durfte. Viele sind stolz auf ihre Pferde und machen das Ganze mit viel Herzblut. Unvergesslich und eine Lehre für mich war mein erstes Rennen im Oman im April 2018, als mir ein Außenseiter zugelost worden war. Es war egal, ob man die Formen von links nach rechts oder wie dort üblich von rechts nach links las, es waren nur Nullen. So trat ich die Reise mit gemischten Gefühlen an. Hector, ein kleiner eigenwilliger brauner Araber, der im Führring nach allem trat, was sich rund um ihn herum bewegte, schien an diesem Tag Freude zu haben und wurde knapp geschlagen Zweiter. Die Besitzer waren hin und weg vor Freude. Ein Jahr später war Hector leider nur als Reservepferd auf der Startliste. Trotzdem war es ein sehr schönes Wiedersehen. Mit kiloweisen Datteln und dem Renndress als Erinnerung verließ ich den Rennplatz. Dieses Erlebnis hat mir aufgezeigt, wie viel Emotionen, Energie und Liebe in diesem Sport stecken.

Kam für Sie nie in Frage, Profi zu werden?

Heller: Ehrlich gesagt habe ich mir das schon überlegt. Aber in der Schweiz gibt es für Profis zu wenig Perspektiven. Wir haben eine Winterpause von Ende Oktober bis Ende März – mit der Ausnahme von St. Moritz. Einige Rennreiter haben deshalb eine zweite Arbeit, um die Einnahmen zu verbessern. Außerdem gibt mir der Lehrberuf manchmal die nötige Distanz, um die Rennen objektiv analysieren und mit dem Druck umgehen zu können.

Magic Mission siegt unter Naomi Heller am 06.07.2019 in Hamburg
Magic Mission siegt unter Naomi Heller am 06.07.2019 in Hamburg

„Ich unterrichte alles, was anfällt“

Welche Fächer unterrichten Sie als Lehrerin? Und wo sind Sie zu Hause?

Heller: Ursprünglich wurde ich an der Oberstufe als Lateinlehrerin – habe Altgriechisch, Latein und Spanisch studiert – eingestellt, unterrichte unterdessen aber alles, was anfällt: Latein, Englisch, Deutsch als Fremdsprache, Mathematik, Französisch sowie Projekt und Recherchen. Am Montag-, Mittwoch- und Donnerstagabend gebe ich noch Latein-, Schweizerdeutsch- und Grammatikkurse an der Klubschule Migros in Zürich. Momentan ist es ein strammes Pensum, ich könnte aber nicht nur eine Altersstufe oder Fach unterrichten, das würde mir zu einseitig.

Was sagen Ihre Schüler zu Ihrem Hobby Pferderennen?

Heller: Sie sehen das eigentlich umgekehrt: Ich reite Rennen und das Unterrichten ist ein Hobby, weil es immer lustig sei. Und eigentlich haben sie Recht.

Steht Ihre Familie hinter ihrem Faible für die Pferde?

Heller: Ja klar, sie haben das Ganze ja angestiftet. Meine Großmutter hat einen RaceBets-Account und weiß wenige Minuten nach den Rennen über alles bestens Bescheid. Sie findet auch immer alle Rennvideos und Kommentare. Mein Vater lässt keine Gelegenheit aus, mit nach Baden-Baden zu fahren, da die Rennbahn es ihm auch sehr angetan hat.

Wie ist die Situation im Schweizer Rennsport?

Heller: Die Situation ist auch in der Schweiz nicht einfach. Letztes Jahr haben mit Philip Schärer und Christine Bucher zwei große und international bekannte Gesichter dem Trainerjob den Rücken gekehrt, was sehr schade ist. Einige Besitzer sind ins Ausland abgewandert, da es in der Schweiz zu wenig Möglichkeiten gibt. Außerdem ist der gesamte Vorstand bis auf ein Mitglied von Galopp Schweiz zurückgetreten, weshalb ein neues Team gebildet werden muss. Es erwartet sie keine Aufgabe angesichts der strukturellen Probleme, mit denen auch der Schweizer Rennsport zu kämpfen hat  (immer weniger Pferde/Besitzer, sinkende Einnahmen, tiefere Preisgelder, etc.)

Von wem haben Sie das meiste gelernt?

Heller: Sehr viel haben mir Josef Stadelmann und sein Bruder René Stadelmann mitgegeben. Sie haben beide ein einzigartiges Gespür für die Pferde. Seit gut drei Jahren reite ich bei Josef Stadelmann und seiner Lebensgefährtin Rita Seeholzer aus und habe dort auch meine Stute Jess im Training. Dort darf ich viel machen in der Arbeit, was mir Routine für die Rennen gibt. Sein Bruder René betreute jahrelang das Training auf dem elektrischen Pferd und analysierte zahlreiche Rennen im In-und Ausland, was mir taktisch sehr viel geholfen hat.

Wie ist der Kontakt zu Ihrer Landsfrau Sibylle Vogt?

Heller: Ich freue mich immer auf ein Wiedersehen. Sie ist ein Vorbild für mich und gibt mir sehr hilfreiche Tipps. Sie hat einen sehr schönen Stil und reitet stark im Endkampf. Ich kann noch viel von ihr lernen.

Rateel siegt unter Naomi Heller am 29.08.2019 in Baden-Baden
Rateel siegt unter Naomi Heller am 29.08.2019 in Baden-Baden

Was sind Ihre Hauptziele für 2020 und die Zukunft?

Heller: Ich will mich stilistisch und im Endkampf verbessern. Es gibt einige gute Reiter in Deutschland, die sehr offen sind und gern Tipps geben, was toll ist und ermöglicht, von ihnen zu lernen. Dank Frank Fuhrmann habe ich die Chance und Möglichkeit, das zu üben und mich zu verbessern, was sehr toll und nicht selbstverständlich ist. Ich würde sehr gern weiterhin regelmäßig in Deutschland reiten und würde mich sehr über Rittangebote freuen.  Langfristig plane ich nicht, es kommt sowieso anders wie man denkt. Das Ziel ist jedoch, weiterhin die Freude und das Herzblut für den Rennsport behalten und mit Gleichgesinnten teilen können!

Was sind Ihre Lieblingspferde? Wo reiten Sie derzeit aus?

Heller: Eine sehr schwierige Frage, ich mag sie alle: Rateel, Jungle Spirit, Uh Oh Chongo, Rollicking, Elikapeka, Matilda Bay, Don’t Tell Dandy, Nero de Avolo, Isle of Shadows und Jackontherocks. Sie sind alle einzigartig und geben ihr Bestes. Sehr nah liegt mir Matilda Bay, ihr Ehrenplatz am 16. Februar in Dortmund hat mich wie ein Sieg gefreut. Sie ist eine kleine feine unkomplizierte Stute, die immer alles gibt. Ich würde ihr und ihren tollen Besitzern (Stall Surfing Bird) von Herzen gönnen, wenn sie einen Sieg nach Hause bringen wird. Sie hat ja schon mehrere Ansätze gezeigt und steht günstig im Handicap, weshalb das bald klappen dürfte.

Jungle Spirit siegt unter Naomi Heller am 22.12.2019 in Dortmund.
Jungle Spirit siegt unter Naomi Heller am 22.12.2019 in Dortmund.

Hatten Sie schon schlimmere Verletzungen?

Heller: Da hatte ich bisher Glück im Unglück, bis auf ein paar Hirnerschütterungen, meinen kleinen Finger und mein Schlüsselbein ist noch alles ganz. Nach einem spektakulären Startunfall in Frauenfeld im Juni 2018, als es mich nach dem Öffnen der Startboxe mit meinem Pferd über eine Person überschlug, brach ich mein Schlüsselbein und holte mir eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma. Mit etwas Physiotherapie haben wir unterdessen auch letzteres gut im Griff.

Was halten Sie von der Reiterlaubnis für Rennreiterinnen?

Heller: Ein kontrovers diskutiertes Thema. Ich denke, wenn man eine Reiterlaubnis für Rennreiterinnen einführen möchte, sollte man wie Frankreich eine konsequente Lösung anstreben.

Wie schwer ist es heutzutage für Frauen im Rennsattel?

Heller: Es kommt ganz darauf an in welchem Land und in welcher Klasse. Ich denke, wenn eine Frau richtig gut reitet und Einsatz zeigt, hat sie in Deutschland gute Chancen, was man am Beispiel von Sibylle Vogt sieht.

Was sind Ihre anderen liebsten Freizeitbeschäftigungen?

Heller: Ehrlich gesagt habe ich neben meinen gut 100 Prozent an zwei Schulen nicht mehr viel Zeit für Dinge, die nichts mit Rennsport und Pferden zu tun haben. Wenn ich frei habe, gehe ich reiten, ins Fitnessstudio oder Laufen. Mein Ein und Alles ist meine siebenjährige Beagle-Hündin, mit der ich sehr gerne lange Spaziergänge im Wald mache und wieder Energie tanken kann.

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