Insider-Talk mit Jean-Pierre Carvalho: „Mythico könnte die Frankreich-Route gehen“

Jean-Pierre Carvalho
Jean-Pierre Carvalho, 02.04.2018, Hannover

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846 Siege als Jockey, 248 als Trainer – Jean-Pierre Carvalho zählt zu den Top-Aktiven im deutschen Galopprennsport, die sich in zwei verschiedenen Sparten besonders auszeichneten. Der 49-jährige Franzose gilt als Meister der Big Points. Er formte jede Menge Spitzenpferde während seines Engagements für das Gestüt Schlenderhan und Georg Baron von Ullmann, aktuell ist Mythico sein großer Hoffnungsträger. Exklusiv im Insider-Talk auf dem RaceBets-Blog berichtet der Wahl-Mülheimer über seine Karriere und Ambitionen.

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Durch Zufall zum Rennsport gekommen

Im Jahr 2008 haben Sie Ihre hocherfolgreiche Jockey-Laufbahn beendet. Wie sind Sie überhaupt in den Rennsport gekommen?

Jean-Pierre Carvalho: Zum Rennsport bin ich durch Zufall gekommen, meine Familie hatte mit Pferden oder Rennen überhaupt nichts zu tun, aber ich war klein und leicht und mochte Pferde gerne. Der Reitsport war damals ein teures Geschäft, aber im Rennsport gab es die Möglichkeit, mit Pferden zu arbeiten statt zu bezahlen, um zu reiten. In Frankreich begann die Lehre mit 14 Jahren. Ich habe mich beworben, die notwendigen Praktika hatte ich gemacht. Und bei der engeren Auswahl habe ich einen Ausbildungsplatz ergattern können. Bei Jean Bertran de Balanda in Lyon habe ich meine Lehre begonnen. Danach bin ich nach Maisons-Laffitte gewechselt, da mein Lehrherr dorthin umgezogen ist. Bei ihm habe ich meine Ausbildung zu Ende gebracht.

Maradan siegt unter Jean-Pierre Carvalho im RaceBets Legenden-Rennen
Maradan siegt unter Jean-Pierre Carvalho im RaceBets Legenden-Rennen, 24.08.2019, Baden-Baden

Viele bedeutende Erfolge mit Zweijährigen und im Ausland


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Als Trainer gelten Sie als Meister für die Big Points. Gibt es Erfolge, die für Sie einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen? Was war bislang das beste Pferd, das Sie betreut haben?

Jean-Pierre Carvalho: Bei der Frage fühle ich mich geehrt. Ich weiß nicht, ob ich diese Bezeichnung „Meister für die Big Points“ verdient habe. Es gab immer Erfolge, die einen besonderen moralischen Stellenwert hatten, da die Bindung zu dem Pferd besonders stark war, es muss nicht unbedingt mit dem Status der Rennen zu haben. Natürlich ist man stolz, wenn man große Rennen gewinnt. Es gab viele Rennen, bei denen ich stolz war, wie bei der Goldenen Peitsche, da diese schwer zu gewinnen war.

Oder die Zweijährigen-Grupperennen. Es gibt Kollegen, die man als Zweijährigen-Trainer bezeichnet, zu denen ich nicht gehöre, aber ich habe den Preis der Winterkönigin, zweimal das Zukunftsrennen und das Ratibor-Rennen gewonnen. Der Preis des Winterfavoriten fehlt mir noch, 2020 war ich Zweiter und Dritter. Auch im Ausland habe ich schöne Rennen für Zweijährige gewonnen, wie das Gran Criterium in Milano oder das Critérium International de Longchamp. Ich glaube, dass das auch einen Trainer ausmacht, nicht unbedingt jedes Wochenende ein Zweijährigen-Rennen zu gewinnen, aber in den großen Rennen vorne zu sein. Das macht mich sehr glücklich. Natürlich waren auch die Gruppe I-Prüfungen etwas ganz Besonderes, wie der Preis der Diana mit Well Timed oder der Große Preis von Baden zweimal mit Guignol und Ivanhowe. Das machte wahnsinnig Spaß.

Und die internationalen Hochkaräter haben für mich einen besonderen Stellenwert, zum Beispiel wenn man in seinem Heimatland Frankreich ein paar Grupperennen gewinnt, wie den Grand Prix de Deauville, Prix Lutece, Prix du Lys, Prix Gladiateur, Prix Maurice de Nieuil, Gran Criterium und vielleicht noch ein paar andere, die mir jetzt spontan nicht einfallen.

Ivanhowe die Nummer eins?

Ivanhowe
Ivanhowe, 05.10.2014, Longchamp

Wer das beste Pferd war, das ich trainiert habe, ist schwer zu sagen, aber Ivanhowe fällt mir direkt ein. Mit ihm habe ich mein erstes Gruppe I-Rennen, den Großen Preis von Baden, gewonnen. Ihn für dieses Rennen vorzubereiten, war nicht so einfach. Er hatte eine ziemlich lange Pause vorher. Das war eine Herausforderung, zumal wir einen Sea The Moon schlagen mussten. Das hat geklappt und war ein besonderer Moment. Ivanhowe hatte einfach sehr viel Klasse.

Der Traum vom Arc

Sie haben immer gesagt, dass ein Start im Arc ein Traum wäre. Mit Ivanhowe haben Sie das schon einmal realisiert. Was macht die Faszination dieses Rennens für Sie aus?

Jean-Pierre Carvalho: Für jeden, der im Rennsport tätig ist, als Züchter, Besitzer oder Trainer und das ganze Team ist es ein Traum, den Arc zu gewinnen. Träume sind erlaubt. Wer von diesem Rennen nicht träumt, ist fehl am Platze. Ich hatte sogar zweimal das Glück, ein Pferd in diesem Rennen zu präsentieren, Ivanhowe und Savoir Vivre. Ich hoffe, dass ich im Laufe meiner Trainer-Karriere, wieder einmal die Chance haben werde, im Arc ein Pferd aufzubieten. Die Faszination kommt daher, dass der Arc das wichtigste Rennen der Welt ist.

Höny-Hof der größte Unterstützer

Die Schließung der Trainingszentrale in Schlenderhan kam sehr abrupt Ende 2019. Wie haben Sie es geschafft, sich anschließend in Mülheim wieder etwas aufzubauen? Wer sind Ihre größten Unterstützer?

Jean-Pierre Carvalho: Nachdem bekanntgegeben wurde, dass der Rennstall in Schlenderhan schließen sollte, musste ich schnell reagieren. Die Zeit war ziemlich knapp. Eine zügige Entscheidung war gefragt, was nicht immer einfach ist. Ich glaube, dass wir das Beste daraus gemacht haben. Mülheim hat sich damals sehr gut angeboten, dort haben wir wieder Fuß gefasst. Ich hatte einige Leute hinter mir, die mich unterstützt haben und bereit waren, dieses Abenteuer mitzumachen. Dafür bin ich sehr dankbar. Das war die Chance, nicht aus dem Rennsport zu verschwinden. Der größte Unterstützer ist mit Sicherheit das Gestüt Höny-Hof. Direkt nach der Bekanntgabe von Schlenderhan hat das Ehepaar Hellwig mir ihre Treue zugesichert. Das hat für sehr positive Energie bei mir gesorgt.

Zwei, drei andere Pferde gingen zu Anfang mit, darunter Mythico vom Stall tmb. Nicht zu vergessen auch Pascal Jonathan Werning und damals Maike Riehl, die mir das Vertrauen geschenkt und an mich und unser Projekt geglaubt haben. Das waren gute Voraussetzungen, um wieder voll durchzustarten. Dafür bin ich für immer dankbar.

Jean-Pierre Carvalho
Jean-Pierre Carvalho, 03.04.2016, Mülheim an der Ruhr

Sehr positive Entwicklung in Mülheim

Wie sind die Bedingungen am Raffelberg? Was schätzen Sie an der Arbeit des Rennclubs?

Jean-Pierre Carvalho: Die Bedingungen in Mülheim waren für mich gleich sehr vorteilhaft. Man hat mir direkt einen Stall zur Verfügung gestellt, was in Köln nicht der Fall war. Die Rennbahn hat in den vergangenen zwei Jahren ein neues Gesicht bekommen, was eine sehr positive Entwicklung ist. Der Rennclub hat sehr viel getan für eine Rennbahn, die von vielen schon abgeschrieben war. Nun ist es wieder eine Top-Rennbahn mit einem großen, stabilen Trainingszentrum. Die Konstellation mit der Anzahl von Pferden hier ist sehr gut. Ich dachte mir direkt, dass ich mich hier wohl fühlen könnte.

Sehr zufrieden mit der vergangenen Saison

Wie fällt Ihre Bilanz der Saison 2020 aus? Zwei Gruppesiege und 14 Treffer bei nur 93 Starts lesen sich sicher gut.

Jean-Pierre Carvalho: Ich bin mit der Bilanz 2020 sehr zufrieden. Das war zu Anfang der Saison nicht so vorherzusehen. Ich hatte ein paar sehr interessante Pferde, das wusste ich. Aber ich musste erst einmal mit der neuen Situation und der neuen Bahn zurechtkommen, die Trainingsbedingungen kennenlernen, um die Pferde richtig vorzubereiten. Und danach kam Corona, das zu Beginn der Saison alles durcheinandergebracht hat. Die Pferde waren gerade in Schwung, da gab es keine Rennen mehr. Man wusste nicht, wie das Programm aussehen würde, aber dieses Problem hatten alle meine Kollegen auch.

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Am Ende der Saison hatten wir 14 Siege und zwei Erfolge auf Gruppe-Ebene und sieben Black Type-Pferde. Für einen Stall dieser Größenordnung ist das eine recht zufriedenstellende Bilanz in der ersten Saison hier. Ich bin den Leuten sehr dankbar, die mir gefolgt sind, und auch meinem Team, das mit viel Vertrauen dieses Abenteuer mitgemacht hat. Der Zukunft sehen wir sehr positiv entgegen.

Große Derby-Hoffnungen Mythico, Sea of Sands und Sun of Gold

Mit Mythico haben Sie den Gewinner des Ratibor-Rennens im Stall. Wann und wie haben Sie sein Format erkannt?

Jean-Pierre Carvalho: Er war als Jährling schon in Bergheim bei uns. Sein Besitzer Thomas Bretzger hat ihn gezogen, das Pferd ist im Haras du Long Champ von Barbara Moser vorbereitet worden. Sie hat mit ihm einen tollen Jährling zu uns gebracht. Mythico hat als Einziger seines Jahrgangs den Weg nach Mülheim gefunden und musste den Winter über schon mit älteren Gefährten mittrainieren, da kein anderer Zweijähriger hier war. Im März sind ein paar andere hinzugestoßen, wie Sea of Sands oder Sun of Gold.

Mythico siegt unter Lukas Delozier
Mythico siegt unter Lukas Delozier, 15.11.2020, Krefeld

Mythico hat bis heute alles mitgemacht und blieb immer gesund. Es gab nie etwas Negatives. Er hat einen tollen Charakter. Anfang 2020 war nicht zu erkennen, dass er ein Derby-Pferd wäre. Die zweijährigen Hengste gaben sich nicht viel. Bei ähnlichen Trainingsleistungen ist es normalerweise kein gutes Zeichen. Denn die Guten machen normalerweise früh im Jahr auf sich aufmerksam. Daher gab es einige Fragezeichen. Im Nachhinein war das logisch, denn sie waren alle sehr gute Zweijährige. Sea of Sands oder Sun of Gold als Sparringspartner sind auch zwei Derby-Kandidaten, die leicht 90 Kilo können sollten.

Im August haben wir Mythico als zweijährigen Debütanten im Prix de Crevecoeur in Deauville präsentiert, das ist eines der schwierigsten Rennen für Neulinge im Sommer. Jedes Jahr bringt die Prüfung sehr gute Pferde hervor, die weit über 90 Kilo können. Wenn man da mitmischen kann, weiß man schon, was man hat. Wir wussten im Sommer schon, dass wir ein sehr gutes Pferd im Stall haben. Das hat Spaß gemacht, denn da ein paar andere Zweijährige genauso gut gearbeitet haben, wussten wir, welche Hoffnungen wir zur Verfügung haben.

Das sind die Pläne vor dem Derby

Wie verläuft seine Entwicklung über Winter? Wie könnte eine mögliche Route aussehen?

Jean-Pierre Carvalho: Die Entwicklung verläuft sehr gut. Er hat ein tolles Haarkleid, ist immer gleich, sehr ruhig und ausgeglichen geblieben. Seine Route Richtung Derby ist sehr umfangreich und soll nach Frankreich führen. In Frage kommen der Prix Hocquart, der Prix Noailles, vielleicht der Prix du Lys. Er wird eine Nennung im Prix du Jockey-Club bekommen. Nach dem ersten Start entscheiden wir, ob wir bis Juni auf 2.000 Metern bleiben oder ob wir in den Prix du Lys über 2.400 Meter gehen. Alternativ gibt es das Programm in Deutschland mit dem Dr. Busch-Memorial, dem Bavarian Classic oder der Union. Die einzige Frage, die man sich stellen kann, ist, wo das Grupperennen für Dreijährige aus Baden-Baden stattfinden wird. Aber der Fokus liegt zunächst wohl auf Frankreich. Wir werden von Rennen zu Rennen entscheiden. Da werden ja noch einige Pferde herauskommen, und dann muss man schauen, wo man steht.

Jean-Pierre Carvalho
Jean-Pierre Carvalho, 14.10.2018, Köln

Viel mehr Pferde als vor einem Jahr

Wie optimistisch blicken Sie auf die neue Saison? Wie ist die Stallstruktur? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Jean-Pierre Carvalho: Die Stallstruktur hat sich erweitert. Wir sind 2020 mit einem Dutzend in die Saison gestartet, jetzt haben wir die doppelte Anzahl an Pferden, worüber wir sehr froh sind. Cagnes steht auch auf dem Plan. Im März kommen Pferde aus Frankreich, die dort bessere Wetterverhältnisse haben und auch im Winter, wenn Frost ist, bewegt werden können. Ich freue mich, dass ich fünf Pferde noch im Derby habe. Davon drei Kandidaten, die zur Favoritengruppe gehören.

Außerdem habe ich ein neues Pferd bekommen, Quebeno, der einen guten Eindruck hinterlässt, aber erst einmal debütieren muss. Wir haben nicht so viele ältere Pferde, aber viele junge Kandidaten. Dazu gehören etliche Zweijährige. Mit Pferden wie Mythico, Sea of Sands, Sun of Gold oder Aviateur, haben wir Kandidaten, die mit Sicherheit in Grupperennen laufen werden. Unsere Rock of Life kommt bald vom Winter-Urlaub zurück und ist eine sehr feine Stute. Und die dunklen Pferde wie Quebeno oder Sassoon sind interessant. Palace Boy kommt zurück, A Head Ahead hat sich toll gefunden. Champ de Luxe ist ein noch ungeprüfter Vierjähriger, der einen sehr guten Eindruck hinterlässt.

Mit diesen Pferden können wir sehr hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Ich hoffe, dass wir in der Corona-Zeit auch Auslandstarts planen können. Man muss natürlich spontan reagieren, wenn sich durch die Pandemie Planänderungen ergeben.

Natürlich haben die Rennvereine Schwierigkeiten, wenn keine Zuschauer auf die Bahn kommen können, darüber bin ich sehr besorgt. Aber es ist nicht das erste Mal in meiner Karriere, dass ich eine Krise bewältigen muss. Ich habe sehr gute Leute im Stall und ein sehr gutes Konzept mit Top-Partnern, einen sehr guten Futtermittel-Lieferanten, einen tollen Hufschmied, bin froh, dass ich mit der Klinik in Meerbusch zusammenarbeiten kann. Ich bin sehr positiv gestimmt für 2021.

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