Die Generation Ostwind: Wenn Pferdeflüstern zum Breitensport wird

Auch Duke kann ohne Trense
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Es ist erst wenige Tage her, dass Duke und mir beim abendlichen Ausritt ein junges Mädchen entgegenkam, vielleicht 14 Jahre alt. Sie ritt barfuß und in zerschlissenen Jeans auf einem stämmigen Haflinger. Das Pferd trug nur einen Halsring, die Reiterin nicht einmal einen Sturzhelm. Und das, obwohl sie gerade von der Autobahnbrücke in Richtung Stoppelfeld steuerten. Ostwind (= Kinderbuch & Spielfilm) lässt grüßen!

Erinnern Sie sich noch, welches Buch Sie als Kind am liebsten gelesen haben? Und würden Sie heute zurückblickend sagen, dass dieses Buch ihr Leben geprägt hat?

Man kann natürlich über den Sinn und Unsinn der Ostwind-Filme und -Bücher streiten, in denen die junge Mika entdeckt, dass sie die Sprache der Pferde beherrscht und sich mit einem jungen, natürlich sehr schwierigen Hengst anfreundet. Fakt ist jedoch, dass die Bilder von Mika, die am Halsring mit wehenden Haaren und wehender Mähne durch die Wälder galoppiert, eine ganze Generation an Reiterkindern geprägt haben. Eine Generation, die die sozialen Medien nutzt. Die Pferde-Zubehör und Fanartikel kauft. Und Reitsport-Veranstaltungen besucht.

Was heißt das für den Pferdesport?

“Mein Halsring-Video geht gerade durch die Decke!” Diese Nachricht bekam ich im Frühjahr von einem befreundeten Berufsreiter. Seit vielen Jahren bespielt er seine Social Media Kanäle mit Bildern und Videos über die Ausbildung seiner Buschpferde. Gute, solide Ausbildung, die auch regelmäßig mit Klicks und Likes belohnt wurde. Dann ließ er sich von einer Schülerin überreden, mal ein paar Sprünge mit Halsring zu absolvieren. Und plötzlich standen Facebook und Instagram Kopf.

Das erste Rückentraining an der Doppellonge war unaufgeregt

Einerseits finde ich diese Entwicklung in der deutschen Reiterei ganz nett: Denn sie motiviert selbst den Profisport zu etwas mehr Leichtigkeit und Blümchen im täglichen Stallgeschäft. Andererseits finde ich es aber auch besorgniserregend, wenn Pferdeflüstern zum Breitensport wird. Wenn es bei Kindern plötzlich out ist, beim Galopp übers Stoppelfeld einen Reithelm oder gar Sattelzeug zu nutzen (wer sich gerade wundert: Ja, ich fühle mich sehr alt, während ich das schreibe). Wenn sich Hobbyreiter in einem Anflug von Romantik Problempferde kaufen, von denen selbst die Profis Abstand nehmen. Und Anfänger lieber in schicke Satteldecken, statt in kompetente Trainer investieren. Denn wenn man mit der “Gabe” gesegnet ist und mit Pferden reden kann, ist reiten lernen eine Frage von Wochen. Ganz, wie bei Mika …

Eine neue Welt

Wer aktiv die Pferdesport-Diskussionen in den Sozialen Medien verfolgt, kann seit Jahren eine Verhärtung der Fronten beobachten: Leistungssport gegen Idealisten. Oder sollte ich eher “Romantiker” sagen? Pferde ausbilden ist ein langer, harter Weg mit Höhen und auch mit Tiefen. Es gibt einfach Momente, die nicht perfekt sind. Wenn der Youngster die Rangordnung anfragt. Wenn ein Pferd scheut. Oder einfach mal ein paar Meter im Rücken verspannt.

Springreiter, Dressur und Co. haben sich inzwischen weitestgehend an die neue, schwarz und weiße Pferdewelt a.O. (after Ostwind) gewöhnt. Mache haben sich zurückgezogen, machen ihr eigenes Ding, reiten ohne Publikum ab und tauchen irgendwann irgendwo in der Prüfung auf. Und dann gibt es einige charismatische Künstler, die ihr Können im Sattel mit dem perfekten Maß an Glitzer und Romantik präsentieren. Spontan fallen mir da in der Dressur die Geschwister Werndl ein, die ihre erfolgreichen Spitzen-Pferde auch mal ohne Sattel in der Prüfung oder mit dicker Schlammkruste auf der Koppel zeigen. Die neue Kollektion der sympathischen Geschwister ist elegant, hochwertig und alles andere als günstig:

Dukes 3. Springstunde, das erste mal auf nur 20 x 40 Metern

Doch bei 130€ für eine Sattel- oder 220€ für eine Abschwitzdecke kauft sich der Freizeitreiter von nebenan gleich ein bisschen Lebensgefühl dazu. Auch Buschreiterin Ingrid Klimke ist neben ihren sportlichen Erfolgen inzwischen eine Marke, der die Fans in allen nur denkbaren Formaten folgen. Als meines Wissens erste Reiterin überhaupt hat sie neben zahlreichen Büchern, Filmen und DVDs inzwischen ein eigenes Personality Magazin namens “Ingrid Klimke”. Doch auch bei ihr ließ sich vergangenes Jahr ein Bruch in der heilen Welt beobachten: Dass eine Berufsreiterin doch tatsächlich beim Ausritt von einem Jungpferd stürzt
(das Video sehen Sie HIER, über 54.000 x angeschaut), beschäftigte die Reiterwelt tagelang. Die Wellen wurden so groß, dass sogar ein Erklärvideo “So kam es zum Sturz von Firlefanz” folgte (über 100.000 x angeschaut.

Und was tut der Rennsport?

Unser Sport hat eigentlich alles, um die Massen zu begeistern: Adrenalin, Experten und Herzblut. Ich habe mir am Renntag schon die Seele aus dem Leib geschrien, als einer meiner Schützlinge (in Amateurs-Zeiten) im Endkampf die Nase vorne hatte. Habe Arbeitsreiter und Jockeys gesehen, vor deren Pferdeverstand und Können ich nur noch demütig den Hut ziehen konnte. Und Besitzer, die sich mit jeder Faser ihres Seins um das Wohl ihrer Lieblinge sorgen.

Doch im Vergleich zu vielen anderen Disziplinen fehlt uns im Gespräch mit der Generation Ostwind ein kleiner, aber sehr entscheidender Spieler auf dem Schachbrett: Der Held. Ein Held mit lupenreiner Weste, der seine Fähigkeiten massen- und vor allem auch medientauglich in Szene setzen kann. Ein Held, der gut genug für die Fraktion “Sport” und schön genug für die Fraktion “Leckerliwerfer” auftritt. Und der genug Charisma mitbringt, um unseren Medienmachern im Gedächtnis zu bleiben.

Denn unsere Medien mögen Drama. Und Glamour.

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